Die Welt ist kein Uhrwerk - Gedanken eines Physikers zur Zeit.

Prof. Dr. Anton Zeilinger
LEITER DES INSTITUTS FÜR QUANTENOPTIK UND QUANTENINFORMATION WIEN DER ÖSTERR. AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN

„Zeit ist für die moderne Physik die vierte Dimension der Raumzeit. Raum und Zeit bilden also eine Einheit. Eine absolute Zeit gibt es nicht – Zeit ist das, was Uhren messen. Dabei kann jeder zeitabhängige Vorgang als Uhr verwendet werden, also auch ein biologischer Vorgang. Der wissenschaftliche Begriff der Zeit entstand aus der Bewegung der Gestirne. Dies waren lange Zeit die genausten Uhren. Heute gelten Atomuhren als Referenz für genaue Zeit. Sie nutzen die Präzision, mit der Energieunterschiede in Atomen von der Natur festgelegt sind. Die genauesten Atomuhren gehen in tausend Millionen Jahren nur um eine Sekunde falsch. Damit ist auch die Genauigkeit gegeben, mit der wir Konstanten in der Natur messen und die Präzision von Naturgesetzen formulieren können.

Die kürzeste Einheit der Zeit ist die nach Max Planck, dem Entdecker der Quantenphysik, benannte Planck Zeit. Sie beträgt nur 5,39106 x 10-44 Sekunden. Ebenso gibt es eine Planck-Länge als kleinste Längeneinheit. Unterhalb von Planck- Zeit und Planck-Länge spricht man von Quantenschaum. Dort verlieren Raum und Zeit ihre Bedeutung. Ob die Zeit einen Anfang oder ein Ende hat, ist eine offene Frage. N ach der Auffassung vom Urknall, die heute von der Mehrheit der Physiker geteilt wird, begann mit ihm auch die Zeit – das heißt, es gab vorher keine Zeit, sie hatte also einen Anfang. Ob es ein Ende des Universums geben wird, mit dem auch die Zeit zu existieren aufhört, ist völlig offen. Die Antwort auf diese Frage hängt von der genauen Kenntnis ab, wie viel Dunkle Materie und Dunkle Energie das Universum enthält.

Das Gegenteil des regelmäßigen Gangs der Uhren ist das Chaos. Davon spricht man, wenn die Bewegung nicht vorhergesagt werden kann, und wenn, dann nur für kurze Zeit. Das gilt zum Beispiel für das Wetter oder für den Autoverkehr. Für mich persönlich am interessantesten ist der Zusammenhang zwischen Zeit und Zufall. Hat alles, was geschieht, einen Vorläufer? Eine Erklärung im Sinne einer Ursache? Nach der modernen Quantenphysik gilt dies für Einzelereignisse nicht. Die Welt ist also nicht ein Uhrwerk, das nach fixen Regeln abläuft.

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